Archiv für Oktober 2008

Vom Trauma zur Wut – Chinas neue Generation von WanderarbeiterInnen

Veranstaltung mit Pun Ngai, chinesische Mitherausgeberin des Buches „dagongmei. Arbeiterinnen aus Chinas Weltmarktfabriken erzählen“.

Im Zuge der Reformpolitik der letzten dreißig Jahre wurde China zum „Fließband der Welt“. Gleichzeitig entstand eine neue ArbeiterInnenklasse der ländlichen ArbeitsmigrantInnen. Pun Ngai untersucht seit Anfang der neunziger Jahre deren Bedingungen und Kämpfe. In ihrem Vortrag geht sie der Frage nach, wie der besondere Prozess der Proletarisierung der ArbeitsmigrantInnen in China aussieht und in welcher Form dieser Prozess die Entstehung einer neuen ArbeiterInnenklasse in China bestimmt. Auf Grundlage ihrer Studien in den Industriezonen von Chenzhen und Dongguan in Südchina konzentriert sie sich auf die subjektiven Erfahrungen der zweiten Generation der dagongmai, die andere Formen von Macht und Widerstand hervorbringen als die vorhergehende Generation. Während die Erfahrungen der ersten Generation von Schmerzen und Traumata bestimmt waren, erleben wir heute in den kollektiven Aktionen und Streiks der zweiten Generation der dagongmei vor allem deren Wut und Anklage.

FREITAG, 10. OKTOBER 2008
19 UHR
NATURFREUNDiNNENHAUS KÖLN KALK, Kapellenstrasse 9a

präsentiert von NaturfreundInnenhaus KölnKalk, SOMOST und Wildcat.

LeserInnenbrief an KONKRET

Unsere Stellungnahme zur Auseinandersetzung um den Tod von Salih in Kalk Anfang 2008 in „konkret“ (Hefte August bis Oktober 08), gekürzt abgedruckt in der Oktoberausgabe.

Anfang dieses Jahres demonstrierten mehrere Tage lang Jugendliche in Köln-Kalk, nachdem ein Freund marokkanischer Herkunft namens Salih auf der Straße von einem weißen Jugendlichen erstochen worden war. Höchstwahrscheinlich handelte dieser in Notwehr auf einen Angriff Salih’s. In der antideutschen Szene wurde darüber mit Ressentiment geladenem Ton geschrieben.

1. Salih als Kriminellen zu bezeichnen ist aus mehreren Gründen falsch. Erstens wird mit einer bürgerlichen Kategorie hantiert: das Wort „Krimineller“ verdeckt die gesellschaftlichen Hintergründe einer „Tat“. Zweitens, wenn mensch schon mit diesem Begriff hantieren will, dann gilt im bürgerlichen Recht die Unschuldsvermutung. Salih ist unserer Kenntnis nach nicht strafrechtlich in Erscheinung getreten und nicht rechtskräftig wegen irgendetwas verurteilt worden. Was in jener Nacht geschah, ist noch nicht gerichtlich geklärt. Wenn er, was sehr wahrscheinlich auch der Wahrheit entspricht, als Angreifer gelten sollte, so macht ihn das dennoch noch nicht zum Kriminellen, da dieses Wort eine Kontinuität nahe legt. Eine Einzeltat macht noch niemanden zum „Kriminellen“.

2. Die Demos der Jugendlichen hatten nur zu Beginn hauptsächlich den Tod von Salih und das als ungerecht empfundene Verhalten von Polizei und Staatsanwaltschaft zum Inhalt. Der Tenor war “ Was wäre, wenn der Täter dunkelhäutig und der Tote weiss gewesen wären?“ Es sei darauf hingewiesen, dass zu jenem Zeitpunkt in der Boulevardpresse der rassistische Koch-Wahlkampf tobte und in München auf rassistische Weise gegen die Jugendlichen gehetzt wurde, die einen Rentner in der U-Bahn angegriffen hatten. Den Kalker Jugendlichen ist das nicht entgangen. Dazu kommen ihre täglichen Erfahrungen mit institutionellem Rassismus bei Polizei, ARGE, Ausländeramt etc und dem Alltagsrassismus der deutschen Gesellschaft. Deswegen wurden die Demos sehr schnell zu lauten Artikulationen gegen Diskriminierung und Dämonisierung und für mehr gesellschaftliche Teilhabe. Die Forderung der Jugendlichen war – so naiv und unpolitisch wie sie sind: „Wir wollen Gerechtigkeit!“ Die Kölner Linke hat hier versagt, bis auf wenige Ausnahmen fanden sich kaum Leute ein, die versucht hätten, hier kritisch zu intervenieren – auch gegen sich einmischende Gangs und islamfundamentalistische Kreise.

3. Wir haben noch immer engen Kontakt zu manchen der damaligen DemonstrantInnen und anderen Jugendlichen in Kalk und Humboldt-Gremberg. Wir versuchen eine Kontinuität von Kontakt und Auseinandersetzung herzustellen. Das ist wesentlich schwieriger, arbeitsintensiver, anstrengender und auch nervtötender, als aus der Ferne schnell ein bequemes Urteil zu fällen, das noch dazu den gängigen Mustern eines Vorurteils entspricht. Für uns führt aber an so einer Vorgehensweise für linke Politik kein Weg vorbei, wenn die Linke gesellschaftsrelevant und jemals hegemonial sein will.