Die Vertreibung aus dem Serail. Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt.

Vortrag und Diskussion mit Georg Klauda
Eine Veranstaltung im NaturfreundInnenhaus Kalk am 14.01.2009, 19h30

Islamische Staaten geraten durch die Verfolgung Homosexueller immer wieder in den Blickpunkt der westlichen Medien, die solche Vorfälle gern als Zeichen kultureller Rückständigkeit interpretieren. Einige Bundesländer schlugen deshalb vor, Muslime im Einbürgerungsverfahren nach ihrer Einstellung zu Homosexuellen zu befragen. Zeigen sich deklassierte Halbstarke aus Migrantenfamilien aggressiv gegenüber Schwulen, werden reflexhaft religiöse Motive unterstellt.
Dabei beschworen Homosexuelle die Kultur des „Orient“ noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts als ein tolerantes Gegenbeispiel zu den Jahrhunderten religiöser und säkularer Verfolgung in Europa. Die klassische arabische Liebeslyrik z.B. ist voll von gleichgeschlechtlichen Motiven, die man in der Literatur des „aufgeklärten“ Abendlands vergeblich sucht. Man mag kaum glauben, dass sich die Lebensweise in islamischen Gesellschaften in einer so kurzen Zeitspanne auf so einschneidende Weise geändert haben soll. Doch gerade diejenigen, die mit dem Finger auf die Homophobie der islamischen Welt zeigen, gehen jeder Erklärung dieses Wandels aus dem Weg. Anhand zahlreicher historischer und aktueller Quellen belegt der Autor, dass die Schwulenverfolgung in Ländern wie Iran und Ägypten weniger das Relikt einer vormodernen Vergangenheit ist. Vielmehr handelt es sich um das Resultat einer gewaltsamen Angleichung an die Denkformen ihrer ehemaligen Kolonialherren, die Homosexuelle im Prozess der Modernisierung erstmals identifiziert, benannt und zum Objekt staatlichen Handelns gemacht haben. Homophobie ist eine Erfindung des christlichen Westens, die im Zuge der Globalisierung in die entlegensten Winkel dieser Welt exportiert wird.
Georg Klauda, geb. 1974 in der Nähe von Bamberg, studierte Soziologie, Neuere Geschichte und Linguistik in Erlangen und Berlin. In den 90er Jahren engagierte er sich als Schwulenreferent im AStA der Freien Universität und beteiligte sich an der Gründung der Zeitschrift „Gigi“. Heute publiziert der Diplomsoziologe in Zeitschriften wie „Phase 2″, „Arranca“, „Inamo“ und „MRZine“ über Themen wie Homophobie, Rassismus und Islamophobie.


8 Antworten auf “Die Vertreibung aus dem Serail. Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt.”


  1. 1 PPP 07. Januar 2009 um 16:21 Uhr

    Wer waren denn die Kolonialherren der muslimischen Völker? Iran, Saudi-Arabien, die Türkei sind niemals kolonialisiert worden, andere Länder der Region wie Ägypten oder Syrien nur wenige Jahre (im Vergleich etwa mit Mexiko, 300 Jahre spanische Kolonie, und homohpober als die Araber sind die Mexikaner auch nicht).

  2. 2 somost 07. Januar 2009 um 17:14 Uhr

    Hm, ich verstehe nicht ganz, worauf Du hinaus willst. Kannst Du das nochmal genauer formulieren?

  3. 3 ppp 08. Januar 2009 um 21:02 Uhr

    Ich finde die Grundthese dieses Buches wenig plausibel. Die islamischen Ländern haben wesentlich weniger unter dem kolonialialen Einfluss Europas gestanden als z.B. Lateinamerika.

  4. 4 Spurlos 18. Januar 2009 um 4:51 Uhr

    Wenn man die Grundthese unzulässigerweise in der Behauptung ‚je länger die Dauer der Kolonialisierung, desto homophober‘ zusammenfasst, dann ist das auch unplausibel – dann ist man aber auch selber daran schuld.

  5. 5 somost 18. Januar 2009 um 11:27 Uhr

    Wir haben auf der Veranstaltung den Vergleich mit anderen Ländern gesucht. Ich würde es kurz gefasst so sagen: Das Entstehen von Homophobie ist ein im Kontext von Modernisierung durch Heteronormailisierung enstehendes Phänomen, dass sich ebenso in Lateinamerika und Afrika findet, wie es auch in Europa von statten ging. DESWEGEN ist die Homophobie in der „islamischen Welt“ nicht der angeblichen Rückständigkeit der Moslems sondern dem Modernisierungsprozess geschuldet. Wobei mensch dabei noch berücksichtigen muss, dass Homoerotik und Sex unter Männern ein weit verbreitetes Phänomen dort war und immer noch ist – nur (noch) nicht einhergehend mit einer homosexuellen Subjektidentität innerhalb einer Heteronormalisierten Welt.
    Wie das Ganze in Fernost aussieht, wäre auch noch zu betrachten, da kannte sich aber niemand mit aus. Bekanntlich gibt es in einigen Ländern wie Japan, Indonesien, Thailand einen anderen Umgang/ eine andere Tradition mit Geschlechtidenititäten.
    Es geht also weniger um Kolonisierung als um den ziemlich gewaltätigen Prozess der Modernisierung.

  6. 6 ppp 25. Februar 2009 um 19:52 Uhr

    Spurlos, ich habe nicht nur von der Dauer der Kolonialisierung gesprochen, sondern von der Intensität des Einflusses. Und die ist nun mal nachweislich in den muslimischen Ländern deutlich geringer als in anderen kolonialisierten Gebieten. Wie gesagt, Iran, Türkei oder Saudi-Arabien waren niemals Kolonien irgendwelcher westlichen Mächte, und deshalb sind die Thesen von Herrn Klauda bei erster Betrachtung (habe das Buch noch nicht gelesen) recht unplausibel.

  7. 7 ppp 25. Februar 2009 um 19:56 Uhr

    somost, ich bezweifle, dass Homophobie eine Erfindung der Moderne ist; entsprechende Texte finden sich im Alten Testament und in den Überlieferungen des Propheten Mohammed.

  8. 8 somost 26. Februar 2009 um 13:32 Uhr

    Lieber ppp,
    ich würde Dir doch raten, erst einmal das Buch zu lesen oder eine Lesung zu besuchen und dann zu urteilen. Ich empfinde dieses Verhalten, das Du hier an den Tag legst, doch eher als troll-mäßig.
    Zur Frage der Homophobie: Homophobie ist dann ein Phänomen der Moderne, wenn Homosexualität eine Subjektidentität in einer heteronormativen Gesellschaft ist. Das ist nicht das Gleiche wie das Verbot mann-männlichen oder auch mann-weiblichen Analverkehrs oder gleichgeschlechtlicher Sexualpraktiken, die aber nicht identitätststiftend sein müssen.
    So, und nun viel Vergnügen beim Lesen des Buches.

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