Archiv für September 2013

Günter ist tot

SOMOST nimmt Abschied von HANS GÜNTER KOSSACK.
Günter starb gestern mittag im Beisein einiger NaturfreundInnen aus Kalk.

Günter war vielfach engagiert im Naturfreundehaus, leitete die Selbsthilfegruppe für suchtkranke Menschen, war Mitbegründer der Lebensmittelausgabe und hatte stets ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte seiner Mitmenschen. Sein Handy war immer an, man konnte ihn Tag und Nacht anrufen.
Institutionen, Bürokratie, Vereinsmeierei und Würdenträgerschaft waren ihm verhasst, es ging ihm immer darum konkret und effizient zu helfen. Er bewahrte sich eine argwöhnische Distanz zur Politik und hatte großen Spaß daran, Polizei, Kontrolleure und andere Autoritäten zu foppen – wobei ihm der Respekt vor dem menschlichen Individuum nie abhanden kam.

Mit seiner störrischen und manchmal launischen Art kamen nicht alle gut zurecht, manche Streits konnten bis zuletzt leider nicht gelöst werden.
Wir empfinden großen Respekt vor seinem sozialen Engagement. An sich selber hat Günter zu wenig gedacht. Viel zu spät erst ging er ins Krankenhaus: der Krebs war soweit fortgeschritten, dass keine Heilung mehr möglich war. Vielleicht hat er es aber genau so gewollt.
Günter wird uns in guter und widerspenstiger Erinnerung bleiben.

„Wahlmüdigkeit“: Den Fehler im System suchen

Prof. Butterwegge widerspricht im Stadtanzeiger dem allgemeinen Lamento über Politikverdrossenheit und Wahlmüdigkeit.

„Wahlmüdigkeit“ ist jedoch genauso wie „Politikverdrossenheit“ ein vager und irreführender Begriff, der die Schuld den angeblich davon Befallenen zuweist, statt sie im Verantwortungsbereich des politischen Systems und seiner Reprsentanten zu suchen.

Was Ähnliches hatten wir letzte Woche hier anlässlich der unerträglichen und unpolitischen Stadtanzeiger-Kampagne für das Wählen auch geschrieben.
Hier den ganzen Artikel lesen:
Butterwegge erhebt Einspruch gegen Wahltamtam

ISG Kalk gescheitert – Kalk bleibt dreckig!

Die Initiative für eine „Immobilien- und Standortgemeinschaft (ISG) Kalker Haupstrasse“ ist am Widerstand einiger Immobilenbesitzer_innen und Gewerbetreibenden gescheitert.
Zum Glück!

Aber was ist das eigentlich, eine Immobilien- und Standortgemeinschaft?
Das Konzept stammt aus den USA und heisst dort BID: Business Improvement District. Analog gibt es auch den Housing Improvement District. In den gleichen Topf gehört auch das Quartiersmanagement. Es handelt sich um neoliberale Konzepte der Public-Private-Partnership, bei denen sich der Staat immer weiter aus der Verwaltung des öffentlichen Raumes zurückzieht und die Kontrolle und Gestaltung privaten, meist ökonomischen, Akteuren überlässt. Es geht natürlich um: Aufwertung. Und um die Konkurrenz zwischen den verschiedenen Einkaufsmeilen und Quartieren. Und um privatisierte soziale Kontrolle.
„Lustige“ Nebeneffekte von sowas sind das Verbot Flugis zu verteilen (in Hamburg schon vorgekommen), zu betteln, sich nicht-konsumierend aufzuhalten und dergleichen mehr. Darüber hinaus geht es um Gestaltung (weit über das alberne „Kalk Blüht“ hinaus), Fassadenrenovierung, Häusersanierung, Kontrolle der Ansiedlung der Gewerbetreibenden, Einsatz von privaten Sicherheitsdiensten etc, bis hin zur kriminal-präventiven und sozial lenkenden Möblierung der Straßen.
In Deutschland hat uns das die Schröder-Regierung mit ihrer vermaledeiten Agenda 2010 eingebrockt. In NRW gibt es dazu sogar eine gesetzliche Grundlage, das ISGG von 2008.
Das Ganze gehört auch zu den „Cluster“-Strategien, neuen, postmodernen Formen von Arbeitsregime, Selbstdisziplinierung, öffentlicher Ordnung, bis hinein ins Begehren der Menschen, in ihre Work-Life-Balance etc. Strategien der totalen Ökonomisierung des Lebens und der Übernahme des staatlichen Handelns durch Privatwirtschaft. Der Kölner Genosse Detlef Hartmann hat dazu ein lesenwertes Buch geschrieben: Cluster – die neue Etappe des Kapitalismus. (Wir haben da vor Jahren mal eine Veranstaltung zu gemacht).

Dieser repressive Mist bleibt uns nun in Kalk noch eine Weile erspart – Ansätze von Quartiersmanagement, Aufwertung, sozialer Kontrolle und dergleichen haben wir aber auch schon. Wird Zeit, dass wir deutlich zeigen, WEM der öffentliche Raum gehört.
Barabende auf KalkPost.
Flugis verteilen in den KölnArkaden (der Weg von KalkPost zum alten Wasserturm, der DURCH das Gebäude geht, ist im Übrigen nach wie vor ein öffentlicher Weg! Auch wenn’s nicht so aussieht.)
Kalk für alle!

Kommt mir nicht mit Wahlmüdigkeit!

Der Stadtanzeiger hat eine „Aktion gegen Wahlmüdigkeit in Kalk“ gestartet. Die erste Veranstaltung war am Mittwoch eine Podiumsdiskussion zum Thema „Wahlmüdigkeit“ und „Politikverdrossenheit“ in der Sünnerbrauerei. Begründet wird dies damit, dass Kalk die niedrigste Wahlbeteiligung hat. Nun sollen die KalkerInnen mit allerlei Augenwischerei und Brimborium dazu bewegt werden, ihr Kreuzchen zumachen, egal wo, Hauptsache irgendwie, damit der Staat behaupten kann, er habe für sein Handeln eine Legitimation.

Nur die dümmsten Schafe wählen ihren Schlächter selbst.
Bei SOMOST hatten wir immer sehr unterschiedliche Einstellungen zum Wählen. Eine Seite vertrat, wählen gehen sei wie pinkeln gehen, man tut es eben und misst dem keine größere Bedeutung bei. Eine andere sieht im Gang zu Wahlurne die reinste Zeitverschwendung. Einig sind wir uns, dass wir den Unterschied zwischen den verschiedenen Regierungen nicht erkennen können und finden ohnehin, dass gesellschaftliche Veränderung auf der Strasse und in der Auseinandersetzung stattfindet, nicht aber durch das Wählen irgendwelchen Personals in die Etagen der Elendsproduktion und -verwaltung.
Warum also lässt das Wahlspektakel so viele KalkerInnen kalt?
Es wird weniger irgendeine nicht genauer definierte Politikverdrossenheit sein, als die ziemlich genaue Kenntnis ihrer Lage und dessen, was sie vom Staat zu erwarten haben. HartzIV, Zwei-Klassen-Medizin, Armutsverwaltung, Niedriglöhne, erhöhte Eintritts- und Fahrpreise: Sozialraub überall und Protektion der Vermögenden. Von den Erfahrungen derjenigen, die gar nicht wählen dürfen mangels Aufenthaltsstatus bzw. deutscher Staatsangehörigkeit ganz zu schweigen.
Warum, WARUM sollten diese Menschen – WIR – wählen gehen?
Abgesehen davon, dass wir nichts zu wählen haben, werden wir auch noch für blöd verkauft und unser Geist am laufenden Bande von sich an Dummheit und Dreistigkeit übertreffenen Wahlplakaten beleidigt. Diese ganzen hohle Sprüche, ich kann sie nicht mehr sehen. Dieser Ausbund an schlechtem Geschmack, Inhaltslosigkeit, populistischen Sprüchen, schlechten Parolen und dummdreister Verhetzung. Was für eine Frechheit, unser Umfeld damit zuzukleistern. Wir sollten sie alle abreißen. Für ein wahlplakatfreies Kalk!
Was wollt ihr von uns? Wen soll dieser Schwachsinn ansprechen?
„Gemeinsam erfolgreich“ schreibt die CDU – ein_e schlaue_r Kommentator_in schrieb drunter: WORIN?
„Sie haben es in der Hand!“ bellt uns Steinbrück an. Was für eine platte Lüge! Nix haben wir in der Hand, an der Wahlurne gibt man nur seine Stimme ab, anstatt sie zu erheben. Was wir in der Hand haben sollten, das wären ein Paar Steine!
„Freiheit statt Überwachung“ will die FDP: ja, die Freiheit der Deutschen Bank, und der Überwachung wird dann doch zugestimmt, wenn der Pöbel zu aufmüpfig wird und zuviele Leute die Landesgrenzen übertreten, weil die deutsche Politik ihre Länder zerstört.
So hört sich das „Menschenrechte überall“ der Grünen auch nur wie eine Drohung an, die nächsten „Humane Intervention“-kriege“ loszutreten, während man in der Innenpolitik mit den berühmten grünen Bauchschmerzen der nächsten Runde Bürgerrechtsabbau, Flüchtlingsabwehr und Sozialraub zustimmt.

Wen bitte sollen wir wählen?
Die CDU, deren ausdrückliches Programm der Sozialchauvinismus und Rassismus ist?
Wobei sich mancher konservativ wählende Kalker Assi vermutlich denkt, dass es ihm mit der SPD auch nicht besser geht und er dann lieber die wählt, die seiner Denke näher sind, von wegen Religion oder Geschlechterrollen oder so.
Die SPD, die es in den letzten Hundert Jahren mit einer Zuverlässigkeit, die ihresgleichen sucht, geschafft hat, die Klasse zu verraten? Von den Kriegskrediten 1914 über die Niederschlagung des Ruhraufstandes 1920 bis zu den Notstandsgesetzen 1968, der Zustimmung zur Abschaffung des Asylrechts 1992 bis zu HartzIV? Wieso wählt die überhaupt noch irgendwer?
Die Grünen, die überall dort, wo sie an die Macht kommen entweder eine Öko-Spießer-Diktatur errichten (Freiburg), wo jedes alternative Leben im Keim erstickt wird, oder, wie in Hamburg, ihr ökologisches Bewusstsein an der Tür der Koalitionsverhandlungen abgeben (Bau des Kohlekraftwerks Moorburg)?
Oder etwa die Linkspartei, die eine Politik der Mutlosigkeit verfolgt und da wo sie an der Macht ist, den gleichen Scheiß mit durchzieht wie alle anderen kapitalistischen Sachverwalter (Privatisierung in Berlin), ansonsten aber sich mit allerlei internen Reförmchen auf den Weg macht, die SPD zu beerben? Wer braucht denn sowas?
Von den Vulgärökonomen der Klassendünkelpartei „Alternative“ brauchen wir nicht reden, Die Piraten werden, wenn sie erfolgreich bleiben, gezähmt wie alle anderen und die diversen linken Splittergruppen sind eine traurige Mischung aus Anbiederung an Arbeiterspießertum, linken Kulturkonservativismus und Sektenkult. Der Rest ist nichtmal erwähnenswert.
Warum, warum lieber Stadtanzeiger, sollen wir Kalker_innen wählen? Wir haben sonntags Besseres zu tun: den Hund füttern, die Kinder zum Spielplatz bringen, Kuchen essen, mit den Nachbar_innen quatschen, das übrige Haushaltsbudget ausrechnen, im See schwimmen, mit den Kolleg_innen grillen, den Termin beim Jobcenter vorbereiten, aussichtslose Bewerbungen schreiben, Bier trinken, Rauchen und von einem Aufstand träumen.