Archiv für November 2013

Der unerträgliche Paternalismus der Prostitutionsabolitionist_innen

Anlässlich der aktuellen Debatte ausgelöst durch die pseudofeministische Übermutter Schwarzer und das unsägliche Podium bei Maischberger.
Falsche Gleichsetzung
Es geht damit los, Menschenhandel, Zwangsarbeit, Sklaverei und Prostitution gleichzusetzen. Falsch. Menschenhandel und Sklaverei sind das eine, Prostitution ist vor Allem eines: eine entlohnte Dienstleistung, Arbeit, also Sex-arbeit. Huren (m,w, trans) bieten ihren Kund_innen sexuelle Handlungen gegen Geld an, sie verkaufen nicht ihren Körper, noch vermieten sie ihn, sondern sie verkaufen ihre Arbeitskraft, wie alle anderen Arbeiter_innen auch.
Menschenhandel und Sklaverei gibt es schrecklicherweise überall auf der Welt – vielleicht gab es noch nie so viele wie heute: zwischen 12 und 27 Millionen, wird geschätzt – , da ist Deutschland mitnichten das Zentrum. Es gibt sie im Baugewerbe, im Bergbau, in der Hausarbeit, im Bettelbetrieb, in der Prostitution und anderen Gewerben. Frauen und Männer sind davon betroffen und die Existenz dieser unmenschlichen Bedingungen hat mir der Legalität der Tätigkeiten nichts zu tun.
Sex-arbeit wiederum ist ein äußerst vielschichtiges Gewerbe. Es reicht von den unsicheren und unwürdigen Bedinungen auf dem Drogenstrich über den „normalen“ Straßenstrich, die Laufhäuser, Kleinbordelle, Wohnungen, Callboys und -girls, Dominas, Escortdamen und -herren bis zu den Sexualbegleiter_innen und Tantramasseur_innen. Hier wird eine Menge sehr wertvolle Arbeit geleistet, die für die seelische und körperliche Gesundheit der Kund_innen wichtig ist. Sexualbegleiter_innen ermöglichen es Menschen mit Einschränkungen – also Pflegebedürftigen, Altersheimbewohner_innen und Behinderten – ihre Sexualität (wieder) zu entdecken und zu leben. Tantramasseur_innen arbeiten auf einem schmalen Grad zwischen Körpertherapie und Sex. Dominas ermöglichen es Menschen, andere Seiten ihrer Sexualität zu leben und sich daran zu erfreuen. Das alles soll verboten werden? Mit welchem Recht, aus welchem Grund? Sex ist eine lebensbejahende, kreative, gesundheitsförderne Energie! Es ist schön, wenn Menschen die Möglichkeit haben, sich an dieser Stelle etwas Gutes zu tun. Ob das über Geld vermittelt sein muss, ist eine ganz andere Frage, die im Hinblick auf alle Bereiche des menschlichen Lebens zu stellen wäre!
Gleichzeitig ist Sexarbeit eine Möglichkeit für die notorisch schlechter verdienenden Frauen, einem ziemlich gut bezahlten Job nachzugehen, wenn man vergleicht, was die Alternativen sind. Was ist denn verwerflich daran, wenn sich eine Frau für die Arbeit im Laufhaus entscheidet, anstatt sich in irgendeinem Discounter an die Kasse zu setzen? Es ist eindeutig, wo sie mehr verdient (im Laufhaus). Ich möchte nicht entscheiden, was da seelisch verstümmelnder ist. Sofern die Arbeiter_innen Rechte haben, ihre Tätigkeit frei ausüben können, sich informieren und ihren Arbeitsplatz, ihre Arbeitsweise wählen können, ist Sex-arbeit eine Bereicherung der Vielfalt der Einkommensmöglichkeiten.
Die falsche Moral der Prostitutionsgegner_innen
Interessant übrigens, dass die der Sex-arbeit nachgehenden Männer aus der Diskussion herausgelassen werden, dabei ist Prostitution ein Kernbestandteil schwuler Kultur. Gleichzeitig sind heterosexuelle Callboys viel besser angesehen als ihre weiblichen Kolleginnen – obwohl sie fast unsichtbar gemacht werden. Niemand würde sie als Opfer stigmatisieren oder behaupten, am Ende seien sie kaputt. Ein Typ, der es vielen Frauen besorgen kann, ist in den Köpfen sogar selbsternannter Feministinnen immer noch ein geiler Hengst, während die Frau in der gleichen Position eine Schlampe oder ein krankes Opfer bleibt. Gleichzeitig: Frauen als Kundinnen: das scheint unvorstellbar. Es soll tatsächlich Frauen geben, die Sex wollen ohne Liebe, Romantik und Eheversprechen? Allerdings! Big News in den Redaktionsräumen von Emma…
Das entlarvt: es geht nicht um Sexarbeit, es geht um die Kontrolle der weiblichen Sexualität. Eine selbstbewusste, autonome, frei über ihre sexuellen Kräfte bestimmende Frau ist dieser Gesellschaft nach wie vor ein Greuel – und allen vorweg Frau Schwarzer. Es ist ihr scheinbar nicht erträglich, Frauen als selbstbestimmte sexuelle Wesen zu denken, bei ihr sind Frauen Opfer und Sex was Schlimmes. Und wenn Frauen gegen Geld Sex anbieten, dann muss das mit Gewalt zu tun haben, auf keinen Fall kann sich eine Frau für so einen Schmuddelkram frei entschieden haben. Was nicht sein darf, kann auch nicht sein. So strickt man sich Realtiät zurecht.
Let’s talk about: Arbeitsbedingungen
Worüber sie ebensowenig sprechen will, ist das, worum es eigentlich geht: Arbeitsbedingungen. Die sind bekanntlich nicht nur in der Prostitution schlecht: Skandale bei LIDL, Amazon oder die Berichte in Günter Wallraffs Buch „schön neue Arbeitswelt“ belegen dies – wobei es sowieso jede_r weiß. Das Beispiel Amazon eignet sich wunderbar, um die Prostitutionsdebatte als verlogene repressive Moraldebatte zu entlarven. Der Leistungsdruck ist enorm, die Arbeiter_innen werden vor Ort untergebracht und von einem Securitydienst drangsaliert, sie machen Überstunden ohne Ende, können vom Lohn kaum leben etc. Alle waren sich einig: ein Skandal! Das muss aufhören. Aber niemand kommt auf die Idee, Versandhäuser und Onlinehandel zu verbieten, niemand behauptet, dass das Problem dieser Zustände die Legalität des Gewerbes sei. Davon, dass das normale Zustände im Kapitalismus sind, dass die Unfreiwilligkeit der Arbeit die Grundbedingung des Kapitalismus ist, dass dieser also abzuschaffen sei, nein davon natürlich auch kein Wort. Menschen gehen arbeiten, weil sie müssen, und die meisten arbeiten in Scheiß-jobs weil sie arm sind und keine Wahl haben.
Eigentlich sind die schlechten Arbeitsbedingungen in manchen Zweigen der Sexarbeit der Arbeiterbewegung überhaupt nicht fremd: Vermittlung in die Tagelöhnerei und andere Zeitarbeitsmaloche von zwielichtigen Jobagenturen („Sklavenhändler“ heißt ein Lied der TonSteineScherben darüber); dass die Arbeiter_innen gezwungen sind, in den firmeneigenen Zimmern zu schlafen, in der firmeneigenen Kantine zu essen und im firmeneigenen Supermarkt zu kaufen, wobei sie sich bei der Firma ständig hoffnungslos verschulden, ist eine alte Geschichte. „I owe my soul to the company stall“ heißt es in einem US-amerikanischen Folksong. Dazu kommen Werkschutz und Polizei, die jede Aufsässigkeit zu unterbinden trachten. Wer die Parallelen zu Arbeitsbedingungen in manchen Prostitutionsbetrieben (Wohnen im Bordell zu überhöhten Preisen, Zuhälterei…) nicht sieht, der will sie nicht sehen.
Eine selbstbewusste, gesellschaftliche gestärkte Hurenbewegung könnte mit solchen Wucherzuständen denn auch endlich Schluss machen. Unter den herrschenden Bedingungen jedoch steht zu befürchten, dass die Huren ihre feisten Bordellbesitzer so wenig loswerden werden wie die anderen Arbeiter_innen ihre feisten Chefs. Auch hier: same conditions as everywhere. Sex-arbeit ist Arbeit.
In keinem anderen Gewerbe kreidet die Gesellschaft die schlechten Arbeitsbedinungen dem Gewerbe als solches an, immer geht es darum, Missstände zu beheben. Es gibt Fair Trade für alle möglichen Produkte, wie wär’s mit Fair Paysex? Dieser Double Standart lässt sich nur mit der verklemmten Haltung gegenüber Sex und der Angst vor der selbstbewusten weiblichen Sexualität erklären.
Selbst Frau Schwarzer hat so viel Angst davor, dass sie die Ehe aus der Mottenkiste klaubt, die von der Prostitution bedroht sei. Aber Feministinnen wissen: die Ehe ist eine Form, die weibliche Sexualität – und auch die männliche – zu kontrollieren, und auch hier gibt es, streng genomen, ein warenförmiges Verhältniss. In der Versorger-Ehe handelt die Frau sexuelle Verfügbarkeit gegen Einkommen und Sicherheit. Und nicht-eheförmige Prostitution ist die andere Seite der Medaille: sie wird durch die Monogamie nötiger denn je, da die allermeisten Menschen mit der verlangten sexuellen Treue nicht zurecht kommen. Wie alle Statistiken belegen: Treue ist eine Illusion. Ehe und Prostituion gehören zusammen.
Schöner wäre es, die Menschen könnten sich über ihre Bedürfnisse unterhalten und miteinander Möglichkeiten finden, sie zu befriedigen, aber davon sind wir weit entfernt.
Würde die Prostitution verboten, so würde sie keineswegs aufhören, wie alle Empirie zeigt, sondern die Arbeitsbedingungen würden sich verschlechtern. Dass man das den Arbeiter_innen zumuten zu können glaubt, ein Schelm wer denkt, das ginge nur weil es ein weiblich dominierter Beruf ist. Frauen scheiße zu behandeln, egal ob als Hure, Pflegekraft, Krankenschwester oder Hausfrau, das geht ja immer noch ganz gut.
Übrigens: Genau, Sexarbeit ist ein Beruf.

What whores need: respect and equal rights!
Was die Sexarbeit also braucht, sind gute Arbeisbedingungen, rechtliche Gleichstellung mit anderen freiberuflichen und Angestelltenverhältnissen, eine Interessensvertretung, die sich um all diese Belange kümmert, die Ansprechpartnerin ist für Gesetzgebung, die Ausbildung und Weiterbildung anbietet, Einstiegs- und Ausstiegsberatung macht, Qualitätsstandarts einführt, Arbeitssicherheit einfordert und überwacht, so wie es die Vertretungen anderer Berufe auch tun. Eine konsequente Bekämpfung schlechter Arbeitsverhältnisse, eine offenere, ehrlichere Sexualmoral, ein Ende des gesellschaftlichen Stigmas, so dass die Arbeitszeit als Hure auch im Lebenslauf erwähnbar wird.
Und vor Allem: es muss endlich aufhören, dass alle glauben zu wissen, was Huren brauchen, wie es ihnen geht und wie sie zu ihrer Entscheidung für diesen Beruf kommen. Es würde niemand wagen, so über Friseur_innen, Therapeut_innen oder Lehrer_innen reden, deren eigene Positionen dermaßen nicht ernstzunehmen, über ihre Köpfe hinweg zu entscheiden, ihre Entscheidungen zu psychologisieren und sie als Opfer zu stigmatisieren.
Letztlich ist es das, was Frau Schwarzer macht: der Gesellschaft helfen, Frauen, die der Sexarbeit nachgehen, zu stigmatisieren. Ein typisch sexistisch-paternalistischer Akt: die Frau kann nicht für sich selbst sprechen, das muss jemand anderes machen, der es besser weiß als sie, und wenn das nicht mehr der Ehemann ist, dann übernimmt eben die selbsternannte Supermutti Schwarzer diese Rolle.

Belege:
- Zahl der versklavten Menschen: Interview mit Benjamin Skinner in der WELT, darin Zahlen der ILO (International Labour Organisation)
- Untreue: zwischen 30 und 50% der Menschen sind untreu, noch mehr wären es gerne und 90% sind es einmal im Leben.
die meisten Menschen gehen fremd aus sexueller Frustration.
- Prostitutionskunden: 1 Million Männer in Deutschland täglich, 18% regelmäßig, ca 70% mindestens einmal im Leben (Schätzungen, wird auch von anderen Expert_innen geteilt.)
- Fair Paysex und andere Hurenselbstermächtigungen: http://www.fair-paysex.de, http://sexworker-deutschland.de/,
- Zur Verschwisterung von Ehe und Prostitution