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tp zur Drogenpolitik in der Linkspartei

Dass der gesellschaftliche Leidenshaushalt infolge von Alkoholkrankheit das Ausmaß der individuellen und sozialen Zerstörungsfolgen des illegalisierten Rauschmittelkonsums um ein Vielfaches übersteigt, kann man mit lässiger Handbewegung ignorieren.

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http://www.heise.de/tp/blogs/6/150687

„Hinter jeder Sucht steckt eine Sehnsucht“ und „Legalize it?!“

Eine Veranstaltung im NaturfreundInnenhaus Kalk am 22.01.2009 um 19h.

Offene Diskussion über Sucht und Drogenpolitik in Kalk und anderswo.

Mit VerteterInnen von Kreuzbund, JungeLinke, SOMOST und anderen.
Alle sind herzlich eingeladen, mitzudiskutieren!

Der Junkie, Dein Nachbar und Mitbürger.

Wir sind Bewohnerinnen und Bewohner von Kalk, wohnen schon lange hier und haben uns immer für die Belange des Viertels interessiert. In letzter Zeit ist uns der oberflächliche und hetzerische Umgang mit drogensüchtigen Menschen und ihrer Selbsthilfeeinrichtung Junkiebund aufgefallen. Besonders rechte und faschistische Organisationen wie etwa „ProKöln“ versuchen, Ängste und Unsicherheiten von KalkerInnen zu bestätigen und für ihre menschenverachtende Politik zu benutzen. Wir finden hingegen, dass nur ein grundsätzlich anderer sozialer und gesellschaftlicher Umgang mit Problemen zu einem besseren Leben für alle führt. Unsere Gedanken und Argumente möchten wir Ihnen auf den folgenden Seiten vorstellen.

Warum nehmen Menschen Drogen?

Kennen Sie auch dieses Gefühl, dass die Welt so richtig zum Kotzen ist? Streit mit der Freundin oder dem Freund, Stress auf der Arbeit oder gleich gar keine Arbeit, das Konto in den Miesen, den Schulabschluss nicht geschafft oder einfach keine Ahnung, wie es weitergehen soll… Viele Menschen nehmen in solchen Situationen Drogen: Sie rauchen, trinken Alkohol oder nehmen Medikamente wie z.B. Beruhigungsmittel. Das finden wir erstmal nachvollziehbar. Und: machen das nicht fast alle von uns irgendwie? Wer kann schon haargenau unterscheiden, ob er oder sie am Wochenende „noch“ feiert oder „schon“ trinkt, weil die Woche so anstrengend war.
Manche Leute nehmen andere Drogen: z.B. Kokain und Speed, auch um den Leistungsanforderungen gerecht zu werden. Das in den Fitness-Studios weit verbreitete Doping ist ebenso Drogenkonsum aus Leistungsdruck. Das Betäuben und Aufputschen hat Gründe: anders ist der Druck, zu funktionieren, sich anzupassen, „es“ zu schaffen, oft nicht auszuhalten. Andere nehmen Drogen, um traumatische Erlebnisse zu verdrängen, die Verletzung nicht immer spüren zu müssen. Aber nur die wenigsten würden all das so zugeben.
Es gibt auch positivere Gründe für den Drogenkonsum: Sehnsucht nach Entspannung, nach Abschalten, nach Entgrenzung, Lust auf den Rausch, einfach danach, intensiv zu leben.
Rausch ist eine direkte Lustbefriedigung. Und übrigens auch eine Bewusstseinserweiterung. Verschiedene Künstler haben sich das zunutze gemacht: Einige der besten Kunstwerke der Weltgeschichte, von der Musik bis zur Malerei, sind unter dem Einfluss von Drogen entstanden.

Was ist Sucht?

Nicht alle, die psychoaktive Substanzen (Drogen) benutzen, sind auch süchtig. Die Definition von Sucht ist „Kontrollverlust“, „Autonomieverlust“. Der/die Süchtige kann nicht mehr kontrollieren, ob er/sie die Droge nehmen will oder nicht. Er/sie meint, den „Stoff“ zu brauchen. Der Körper hat sich daran gewöhnt, die Psyche hat ein Suchtmuster entwickelt. Man spricht von einer inneren Fixierung auf das Suchtmittel.
Viele glauben, die körperliche Abhängigkeit sei das Hauptproblem, aber das stimmt nicht. Heroin z.B. kann man in 5 Tagen entziehen, dann kann der Körper problemlos ohne leben. Viel schlimmer ist die Mischung aus Gewohnheit, sozialem Umfeld und psychischen Problemen. Entziehen kann jeder, aber die Therapie erfolgreich durchstehen und auch danach noch „sauber“ bleiben, das schaffen nur wenige. – Schon mal probiert, mit dem Rauchen aufzuhören? Schon mal probiert, längere Zeit auf Alkohol zu verzichten? Wahrscheinlich wissen Sie aus eigener Erfahrung sehr genau, wie schwierig das ist. Schließlich macht es ja auch Spaß, sich ab und an mal „was zu genehmigen“ – ob nun Alkohol oder Ecstasy oder sonst was.

„Ich bin aber gerne breit“ – Sucht und Flucht.

Arbeit und Überleben sind eine fiese Plackerei, Menschen werden zu funktionierenden Einheiten degradiert. Wer ist schon gerne Roboter?
DrogenbenutzerInnen sind nicht nur arme Süchtige, sondern auch Individuen, die sich aus guten Gründen der kapitalistischen Verwertungsmaschinerie verweigern. Manche von ihnen können der Idee, ein Rädchen im System zu sein, dass sich fleißig dreht, nichts abgewinnen. Sie sind eben „gerne breit“. Das ist weder revolutionär noch verwerflich.
Wir fordern, was für eine soziale Politik selbstverständlich ist: Alle sollen ein gutes Leben haben, auch die, die nicht funktionieren wollen oder können. Der Rat der Stadt Zürich formuliert das in seinem Bericht zur Drogenpolitik (2004) so: „Hauptziel der Zürcher Sucht- und Drogenpolitik ist die Stadtverträglichkeit, nicht die Abstinenz: Alle Einwohnerinnen und Einwohner sollen sich sicher fühlen und menschenwürdig leben können.“ (1)

Wie mit Süchtigen umgehen – politisch und persönlich?

Süchtige, das sind nicht „die Anderen“, mit denen man nichts zu tun hat. Wer kennt nicht irgendwen, der zu oft einen über den Durst trinkt, jeden morgen schon zum Frühstück rauchen muss oder erst nach der ersten Aspirin den Tag beginnen kann? FreundInnen oder Bekannte, die süchtig sind, verurteilt man nicht so schnell. Man interessiert sich für ihre Probleme, hat Verständnis, will helfen. Nicht im Traum käme man auf die Idee, sie aus der Gesellschaft auszuschließen. Sie sind zwar komplizierte und anstrengende Nachbarn, Freundinnen oder Verwandte. Aber schließlich haben sie auch ihre guten Seiten.
Alle DrogenbenutzerInnen haben ihre individuellen Geschichten, Probleme und Ängste. Es gilt, sie als gleichwürdige Menschen anzuerkennen, die für ihr Leben Verantwortung tragen, aber auch Opfer einer zerstörerischen Gesellschaft und einer falschen Drogenpolitik sind. Daran muss sich politisches Handeln, der Umgang mit den Junkies und dem Junkiebund in unserem Stadtteil, orientieren.
Übrigens: Wer Unterstützung im Umgang mit Süchtigen braucht, ist z.B. beim Kreuzbund und beim Junkiebund gut aufgehoben. Hier bekommt man kompetente Beratung zu allen Themen von Ämtergängen über gesundheitliche Aufklärung bis zum Phänomen Ko-abhängigkeit. Das ist für Menschen, die Süchtige in ihrem Umfeld haben deshalb wichtig, weil man sehr leicht in ein Verhalten hineinrutschen kann, mit dem man dem/der Süchtigen ihre/seine Sucht noch ermöglicht. Man will ja nur helfen, macht aber genau das Gegenteil, ohne es zu wissen. Mit Süchtigen zu leben ist oft schwierig und bedarf klarer Regeln und mitunter einiges an Nervenstärke.

Angst haben müssen? – Locker bleiben!

Viele Menschen haben Angst vor Junkies. Klar, Süchtige, auch Alkoholkranke, sehen oft schlimm aus. Sie sind oft verwahrlost, ihre Körper vom ungesunden Leben gezeichnet. Meistens sind sie „drauf“ oder betrunken, wenn man sie trifft und verhalten sich komisch. Einige lassen ihre Flaschen, Scherben und Spritzen herumliegen. Aber ist das schon die ganze Wahrheit? Wie gefährlich und bedrohlich sind auf der Straße herumlaufende DrogenbenutzerInnen denn wirklich? Zum einen fühlen sich viele Menschen bedroht aus Unwissen darüber, was „die da machen“. Und zum anderen, weil ihnen das Bild des Junkies vor Augen hält, wie schnell man ins Abseits geraten und verelenden kann; die Angst ist dann die Angst vor dem eigenen sozialen Abstieg.
Ok, zugegeben, öffentlich Besoffene und Zugedröhnte nerven. Die Frage ist aber, wie geht man damit um. Es gibt auch menschlichere, verantwortungsbewusstere Wege als sie wegzujagen und wegzusperren. Man kann sich für eine menschenwürdigere Drogenpolitik einsetzen, und man kann ganz praktisch damit umgehen: So, wie man Kindern beibringt, dass Autos gefährlich sind und wie man sich sicher im Straßenverkehr bewegt, kann man ihnen auch erklären, bei Glasscherben aufzupassen und Spritzen nicht anzufassen, sondern einem Erwachsenen Bescheid zu sagen. Man kann auch, wie das Beispiel des Kalker Stadtparks zeigt, mit den Junkies selbst reden und erreichen, dass sich die Situation verbessert.
Wenn man anfängt, Süchtige als Menschen mit Problemen und Sehnsüchten zu sehen und nicht als gefährliche Monster, merkt man, dass man gar nicht so viel Angst zu haben braucht. Wieviele Kinder haben sich denn in den letzten Jahren an einer herumliegenden Spritze mit einer Krankheit infiziert, und wieviele sind in Kölns Strassenverkehr verletzt worden oder gestorben? Da scheint doch die Forderung nach autofreien Strassen wesentlich dringlicher zu sein! Vielleicht wäre das eine angemessenere und sozial verträglichere Aufgabe für „Pro Köln“ und „Bürgerverein Humboldt-Gremberg“
Ein anderer Punkt ist, dass DrogenbenutzerInnen sich scheinbar Glück, Rausch, Lustbefriedigung einfach nehmen, was wir uns verbieten, um durch den Alltag zu kommen. Und wer bei sich selbst die Erfüllung der Sehnsucht unterdrückt, gönnt auch dem Junkie sein „Glück“ nicht. Man hat Angst vor der Ausschweifung, weil sie die eigene alltägliche Selbstbeherrschung bedroht und damit auch scheinbar die gesamte Kultur, die soziale Ordnung, das Stadtviertel, wenn nicht gleich das ganze Abendland. Doch was heute noch bedrohlich ist, das hat sich morgen vielleicht schon normalisiert. Vor 40 Jahren hielten viele kiffende Hippies für eine Bedrohung, heute rauchen sogar PolizistInnen, ProfessorInnen und Bankangestellte gerne mal ein Tütchen – ohne dass der Staat oder „das Abendland“ „untergegangen“ wäre.
Angst hat man oft vor etwas, das man nicht kennt und nicht einschätzen kann. Dann stellt man sich alles ganz schlimm vor und hat noch mehr Angst. Angst ist aber ein Gefühl, an dem man arbeiten kann. Wie wäre es als Anfang, mal beim Junkiebund vorbeizuschauen, eine Tasse Kaffee zu trinken und mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu reden?

Was macht der Junkiebund?

Der Junkiebund produziert keine neuen Süchtigen und er zieht auch keine Massen von „auswärtigen“ Junkies an, wie immer wieder behauptet wird. Der Junkiebund kümmert sich um die drogenabhängigen Menschen, die hier in der Umgebung wohnen. Er bietet ihnen preiswertes warmes Essen, Suchtberatung, medizinische Versorgung, Spritzentausch, Wäsche-Waschmöglichkeit u.s.w. Durch den Spritzentausch wird verhindert, dass die Junkies sich gegenseitig infizieren und die benutzten Spritzen irgendwo liegen bleiben. Obendrein sammeln Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Junkiebunds im Veedel herumliegende Spritzen auf. Wenn es den Junkiebund nicht gäbe, würde all das nicht passieren. Junkies gäbe es hier aber trotzdem, und zwar genausoviele. Denn sie sind unsere Nachbarinnen und Mitbürger, sie wohnen hier. Also gehen sie auch hier auf der Straße herum. Ob nun mit oder ohne Junkiebund.

Ein paar Worte zur Drogenpolitik

Fast alle Probleme im Zusammenhang mit Drogen (Verelendung, Drogenstrich, Krankheiten, Beschaffungskriminalität etc.) sind Ergebnis einer jahrzehntealten, ideologischen, falschen Drogenpolitik, die Drogen illegalisiert. Ein Blick in die Schweiz zeigt, wie es hier und jetzt anders gehen kann. Mit dem „Vier-Säulen-Modell“ schaffte es der Zürcher Stadtrat unter Zustimmung fast aller Parteien und einer großen gesellschaftlichen Mehrheit, eine für alle akzeptable und dauerhaften Lösung für die seit den neunziger Jahren bestehende Drogenszene in Zürich zu finden. Die Zürcher waren in den neunziger Jahren mit einer immer größer werdenden Drogenszene (v.a. Heroin) konfrontiert, mit der eine massive Beschaffungskriminalität und ein Elend der BenutzerInnen einherging. Sie wurden zum Umdenken gewungen, weil selbst brutalste Polizeigewalt an den Verhältnissen nichts änderte, sondern alles nur noch schlimmer machte.

Element erfolgreicher Drogenpolitik: Schweizer 4-Säulen-Programm.
Erfolgreiche Drogenpolitik: Schweizer 4-Säulen-Programm

Eine Komponente ist die kontrollierte Vergabe von Heroin: „Obwohl ursprünglich nicht primär darauf ausgerichtet, hat sich die heroingestützte Behandlung im Vergleich zu anderen Ansätzen als eine erfolgreiche Massnahme der Kriminalprävention bei Drogenabhängigen herausgestellt,“ schreibt der Rat in seinem Bericht (1) und benennt zahlreiche weitere gesellschaftliche Vorteile der Heroinvergabe. Die Benutzerinnen und Benutzer müssen den Stoff nicht mehr illegal besorgen, zahlen entsprechend keine horrenden Schwarzmarktpreise mehr, kommen aus der Beschaffungskriminalität und -prostitution heraus, werden gesund und schaffen es, ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen. Überall, wo mit der kontrollierten Freigabe von „harten“ Drogen experimentiert wurde, sind große Fortschritte erzielt worden (Studien und Versuche unter Anderem in der Schweiz, England und Hamburg*). Die meisten Heroinsüchtigen hier und anderswo bekommen aber zur Substitution den Heroin-Abfallstoff Methadon, der gesundheitlich viel schädlicher ist als das Heroin selbst. Dafür gibt es keinen vernünftigen Grund.
Die typischen Probleme verelendeter DrogenbenutzerInnen haben also nur zum Teil etwas mit den Eigenschaften der Drogen zu tun. Hauptschuld trägt eine Drogenpolitik, die festlegt, welche Genussmittel unter welchen Bedingungen konsumiert werden dürfen. Die Einteilung in legal/illegal ist geschichtlich und kulturell höchst zufällig geschehen.
Sucht ist eine Konstante in der Geschichte der Menschheit; sie findet sich in allen Zivilisationen und Kulturen.“ – so der Zürcher Bericht. Genauso wie mit Alkohol, Zigaretten und anderen Suchtmitteln (wie auch Zucker und Koffein) müssen wir als Gesellschaft einen Rahmen und einen Umgang für den Genuss von „Drogen“ finden. Das ist aber ein langer und wesentlich schwieriger Prozess als mal eben alle Junkies wegzusperren.

Dealer und Rassismus

Den Drogen ist es egal, welche Hautfarbe der Dealer hat, den Süchtigen auch. Dealer bedienen die Nachfrage nach einer Ware, die im normalen, legalen Handel nicht erhältlich ist. Solange diese Nachfrage besteht und der Handel illegalisiert ist, wird es Dealerei geben. Welche sozialen Gruppen das Geschäft betreiben, hängt von ihren Verdienstmöglichkeiten und den „richtigen Kontakten“ ab. Das Verkaufen von Genussmitteln ist z.B. eine der wenigen Einkommensquellen, die bleibt, wenn man keine Arbeitsgenehmigung oder eine mangelhafte Ausbildung hat – legal im
Büdchen Alk, Kippen und Schoki, oder illegal auf der Strasse Heroin, Pillen etc. Während aber niemand etwas gegen türkisch-stämmige KioskbetreiberInnen hat, werden die Händler illegaler Drogen z.B. als „Drogen-Araber“ diffamiert.

Argumente gegen „ProKöln“ und den „Bürgerverein Humboldt-Gremberg“.

Die Schriften der beiden Organisationen, die hier im Veedel in regelmäßigen Abständen in den Briefkästen landen und gegen die Junkies und den Junkiebund Stimmung machen, strotzen vor Unwissenheit, Oberflächlichkeiten, Unwahrheiten und menschenverachtenden Vorstellungen. Sie zu widerlegen ist leicht, sie zu bekämpfen wichtig, um ein von Hass und Angst geprägtes Klima in Kalk zu verhindern.

„Drogenzentrum“

In den Schriften der faschistischen „Bürgerbewegung“ ProKöln wird die Selbsthilfeeinrichtung Junkiebund durchweg als Drogenzentrum betitelt. Diese Bezeichnug ist falsch. Der Junkiebund ist ein Selbsthilfe-Verein, der einen Stadtteilladen für Kalkerinnen und Kalker mit Drogenproblemen betreibt.

„Süchtige aufs Land“? Doppelmoral!

In ihren Anträgen an die Stadt und ihren schriftlichen Veröffentlichungen, vertritt „ProKöln“ die Ansicht, DrogenbenutzerInnen seien „aufgrund einer richterlichen Entscheidung nach einer persönlichen Anhörung in eine medizinische Therapie-Einrichtung einzuweisen. Solche Einrichtungen könnten weit außerhalb der Städte angelegt werden.“ (Originalzitate).
Diese Auffassung ist so grotesk wie antisozial und geschichtsvergessen. Obendrein birgt sie eine weit verbreitete Doppelmoral. Denn:
1. Suchtkliniken gibt es bereits. Die meisten befinden sich tatsächlich auf dem Land. Daher ist die Forderung grotesk.
2. Süchtige zwangseinzuweisen, hat noch nie etwas gebracht. Und selbst wenn es etwas bringen würde, wären wir dagegen. Denn es ist nicht so lange her, da haben die Deutschen schon einmal ihre „asozialen“ oder „kranken“ Nachbarn außerhalb der Städte „zwangsverbracht“. Eine Gesellschaft, die Menschen so kaputt macht, muss sich auch mit ihrer Existenz konfrontieren. Was ProKöln hier vertritt, ist eine abgemilderte Variante faschistischer deutscher Ideen.
3. Diese menschenverachtende Phantasie versteckt „ProKöln“ hinter einer Doppelmoral: Süchtigen helfen ja, aber nicht in unserer Nachbarschaft. Außerhalb der Stadt heißt, so weit weg wie möglich. Und was, wenn dort die nächste „Bürgerbewegung“ keine Lust auf die Kalker „ProblembürgerInnen“ hat?

„Kippende Stadtteile“

Sowohl der „Bürgerverein Humboldt Gremberg“ als auch „ProKöln“ fabulieren von einem kippenden Stadtteil. Angeblich sei es so schlimm geworden, dass „selbst die Massenmedien es nicht mehr verschweigen“ könnten (Zitat). Das können wir nirgends erkennen. Wohl befinden sich die Veedel hier im Umbruch, dieser ist aber wesentlich vielschichtiger:
Die Entindustrialisierung des Stadtteils hat heftige soziale Folgen hervorgebracht. Viele Menschen sind von Erwerbslosigkeit betroffen, viele Familien leben in Armut. Die Rücknahme staatlicher Versorgung und Vorsorge macht sich bemerkbar. Angefangen von der Straßenreinigung über die Ausstattung von Schulen bis zur sozialen Betreuung von armen und/oder kranken Menschen wurde privatisiert und zusammengespart. Die Ergebnisse dieser neoliberalen Entsolidarisierung der Gesellschaft zeigen sich immer deutlicher. Auch davon leitet sich der relativ hohe Anteil von sichtbarem Konsum sogenannter Armutsdrogen (Alkohol, Heroin und auch Nikotin) ab.
Andererseits siedeln sich in den letzten Jahren immer mehr junge Leute (StudentInnen, junge Selbständige, KünstlerInnen etc.) in Kalk an. Wohnraum ist hier noch einigermaßen erschwinglich, der Stadtteil liegt sehr zentral und vielen gefällt die „multikulturelle Vielfalt“. Zudem hat die städtische Ansiedelungspolitik von Projekten wie den „Arcaden“, des „RTZ“ oder der Verwaltungsgebäude am Ottmar Pohl Platz dafür gesorgt, das auch Menschen von außerhalb in Kalk arbeiten. Mittlerweile haben auch entsprechende Kneipen, Cafes und Geschäfte hier eröffnet. Dieser Prozess heißt in der Wissenschaft „Gentrifizierung“ und bedeutet „soziale Aufwertung“, allerdings geht diese „Aufwertung“ meist an den sozial benachteiligten BewohnerInnen des betroffenen Stadtteils vorbei.
Von einem „kippenden Stadteil“ wie ihn der „Bürgerverein Humboldt –Gremberg und „pro Köln“ herbeifantasieren, kann also nicht die Rede sein.

„Therapie und Dankbarkeit“

Pro Köln meint, in Therapieeinrichtungen „müßten den Abhängigen unter ärztlicher Aufsicht dann aber nicht saubere Spritzen ausgehändigt, sondern die Drogen entzogen werden. Fachlich geschultes Sicherheits-Personal hätte für den Vollzug der Entzugs-Maßnahmen zu sorgen. Die meisten Drogenabhängigen wären nach einer erfolgreichen Therapie sicher dankbar für solche Maßnahmen!“ Nachdem sich also nicht ausgebildete ÄrztInnen und TherapeutInnen um die Süchtigen gekümmert haben, sondern „Sicherheitspersonal“ – also Schließer – für den Entzug zuständig sind, sollen die so „Behandelten“ auch noch dankbar sein. Diese Passage zeigt, dass „ProKöln“ keinen blassen Schimmer von Therapie hat. Um es noch einmal zu sagen: Therapiewillige DrogenbenutzerInnen können jederzeit zu einer Entzugstherapie in eine Klinik gehen. Die meisten brauchen mehrere Anläufe, viele werden rückfällig – weil der Weg aus der Sucht schwer ist und eines starken eigenen Antriebs bedarf.

„Organisierte Bürger“

In den Schriften von ProKöln ist oft von “ der organisierten Bürgerschaft“, „der Bevölkerung“ oder „den Bürgern“ die Rede, wenn es um die den Bürgerverein geht. So als wären alle anderen Leute keine Bürger. Migrantische Menschen und DrogengebraucherInnen kommen auch nur als „Problemfälle“ in den Verlautbarungen der beiden Vereine vor. Genau das ist aber falsch. Kalkerinnen und Kalker, das sind auch all die ohne deutschen Pass, das sind auch all die mit muslimischem Glauben, das sind auch die, die Drogen nehmen, das sind auch die, die obdachlos sind, und das sind auch die, die politisch eine andere Meinung haben als die selbsternannten Bürgervertreter.

„Alles wird schlimmer“

Ihre ganze Inkompetenz zeigen die“ ProKölner“, wenn sie im Rat zur Schließung des Junkiebundes aufforderern, da durch diesen alles viel schlimmer geworden sei. Was Bürgerverein wie Bürgerbewegung immer verschleiern, ist, dass der Junkiebund zu seinem Klientel zog und nicht andersherum. Die Arbeit des Junkiebundes zielt im Gegenteil darauf, die Lage für alle zu verbessern (siehe Kapitel „Was macht der Junkiebund?“).

Einfache Erklärungsmuster

Letztlich zeichnen sich „ProKöln“ und „Bürgerverein“ dadurch aus, einfache Erklärungsmuster für vielschichtige Probleme anzubieten. Sie tun so, als wäre alles ganz einfach und als hätten sie die Musterlösungen parat. Diese Musterlösungen sehen so aus, dass alles, was ihnen nicht gefällt, irgendwie „weggemacht“ werden soll. In Zürich jedoch haben, hier noch einmal der Schweizer Bericht, „Jahrzehnte leidvoller Erfahrung gelehrt“, dass Drogenkonsum „weder mit einseitiger Repression noch mit unkontrolliertem Gewährenlassen erfolgreich behandelt werden“, da Sucht „ein komplexes Phänomen (ist), das sich einfachen Lösungen verweigert.

Die Problematik von Drogenkonsum und Sucht lässt sich nicht restlos auflösen. Egal, in welcher Gesellschaft wir leben, es wird sie immer geben. Der vernünftige Umgang damit ist das, was zählt. Wir wünschen uns eine Welt, in der es weniger Gründe gibt, sich zu betäuben und mehr Möglichkeiten, Sehnsüchte und Bedürfnisse auszuleben – wozu auch ein genussvoller Rausch gehören sollte.

Gruppe Sonne Mond und Sterne (SOMOST), Kalk 2008
c/o NaturfreundInnenhaus Köln Kalk

(1) Der Stadtrat von Zürich: Drogenpolitik der Stadt Zürich. Strategien, Massnahmen, Perspektiven. Zürich 2004.

* vgl.:
- René Zeller: Drogen vom Staat. Grossbritannien verteilt im Kampf gegen das Drogenproblem die Gewichte anders. In NZZ Folio, 04/92.
- The Police Foundation: Drugs and the Law. Report of the independent inquiry into the misuse of drugs act. London 2000. (englisch)
- Eidgenössische Kommission für Drogenfragen (EKDF): «psychoaktiv.ch»Von der Politik der illegalen Drogen zur Politik der psychoaktiven Substanzen. Fachbericht der EKDF. Bern 2005
- Neue Zürcher Zeitung, 07.11.2007: Für eine realitätsnähere Drogenpolitik. Aufruf der grossen Fachverbände im Suchtbereich.
- Neue Zürcher Zeitung, 17.03.2008: Die Zürcher Drogenhilfe passt sich an. Neue Bedürfnisse der Konsumenten in den Kontakt- und Anlaufstellen.
- tagesanzeiger.ch, 02.06.2006: Liberale Drogenpolitik erfolgreich.
- Studie des Zentrums für interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg www.uni-hamburg.de/dlk/suchtforschung.html, www.heroinstudie.de